Frage

In Ihrer Vorlesung sprechen Sie von Ihrem Experiment mit der Zielbefragung von 609 Patienten woraus in dritter Position die Häufigkeit körperfunktionsbezogene Ziele (v.a. neuro-skelettal) formuliert worden sind. Etwas später auf die Frage wie Ziele formuliert werden sollen unterstreichen Sie die Wichtigkeit, dass diese aktivitäts-aktionsorientiert formuliert werden sollen und nicht körperfunktionsorientiert (Eigenschaften beschreibend).... Auch wenn es eben wie es bei der Befragung herausgekommen ist für einige Patienten wichtig ist? Soll man nicht einen Unterschied machen, ob man im akuten Bereich ist, wo zuerst mal die Diagnosestellung u. Behinderung auf Körperfunktionsebene zu definieren und evaluieren wesentlich ist oder in einer späteren Reha-Phase (schon FrühReha)ist, wo die wirklich fehlenden Aktivitäten Patienten bezogen klarer als Mängel sich zeichnen und auch als Ziel unter Messkontrolle und Berücksichtigung der Kontextfaktoren formuliert werden können? Es gibt eine Reihe von so genannten Assessments, die nur aufgrund einer subjektiven Angabe des Patienten oder Beobachtung des Therapeuten oder Angehörigen durchzuführen sind und die eine Art Bewertung, Skalierung auch nur sind(auch +/- Kontextfaktoreneinbeziehung) .... was ist der Unterschied zu den skalierbaren Konstrukten der ICF; diese Art von Assessments sind in Wirklichkeit auch keine Assessments sondern skalierte Konstrukte, Skalen (ich denke an die VAS, BORG-Skala, 10m-test, FAST bei Demenz....)? Dann ist die Frage, in wieweit bringen sie mehr als die ICF? Meinen Sie mit "Engstirnigkeiten" z.B. Ziele à la Bobath wie z.B. Beibehalten des Körper-Alignment ohne unangemessene Tonussteigerung in Einbeinstandssituationen.... Was wäre Ihrer Sicht nach, die Lösung gegen Redundanzen in der Dok.; wenn nur eine Berufsgruppe fragen soll, darf.... dann welche aber wieder? Und wie überzeugt man die anderen oder sich selbst mit "fremden" Infos.... Oder meinten Sie: schon fragen, selbst erfassen und erfahren aber nicht alles dokumentieren, was man erhoben hat (was aber den Patienten von Redundanzen nicht schont)? -Delphine Giuliani-

Antwort

Es handelte sich nicht um ein "Experiment", sondern eine Analyse der von unseren Mitarbeitern schriftlich formulierten Ziele von 609 PatientInnen im Jahre 2005 nach Hauptkapiteln der ICF. Dabei stellte sich heraus, dass Mobilitätsziele dominieren vor Zielen auf der Ebene der Körperfunktionen und der Selbstversorgung. Dabei handelte es sich um den Nachweis eines "Blinden Flecks", den wir mittlerweile auszumerzen versuchen, indem andere Lebensbereiche ebenfalls in die Zielformulierung mit einbezogen werden.

Natürlich können Ziele auch auf der Ebene der Körperfunktionen formuliert werden (z.B. "Harnkontinenz tagsüber"; "Sicheres Schlucken von Weichkost"...); dann sind sie aber nicht handlungsorientiert, eröffnen aber ein gewisses Handlungsspektrum.

Welche etablierten Assessments eher und welche weniger ICF-konform sind ist Gegenstand einer Untersuchung in Deutschland. In jedem Fall müssen noch für viele Konstrukte der ICF passende Assessment-Verfahren und Skalierungskonventionen entwickelt werden.

Im ICF-Forum (www.icf.or.at) werden wir laufend darüber berichten.

Ihre Frage betreffend Redundanzen führt geradewegs zur Frage: Wer dokumentiert was - wozu - für wen - womit ... Der Ausweg ist eine dezentral verfügbare arbeitsteilige (idealerweise edv-gestütze) Dokumentationsstruktur. 

Klemens Fheodoroff